Yeah… Und jetzt zu einem sinnlose Dialog über Priemeln…
„Stell dir vor, du hättest ne Priemel.“, sagte Torge und seine Augen spülten sich durch die Waschstriemen. Er sprach als ginge es um eine Verschwörung, von der außer uns niemand etwas erfahren durfte.
„Ja, okay.“, sagte ich gelangweilt und blätterte eine Seite weiter in dem Drecksmagazin, das ich schon zum zweiten Mal durchkeuchte.
„Nein, mach richtig mit dem Vorstellen. Nicht nur so oberflächlich. Stell es dir vor, als wäre es tatsächlich so, dass du ne Priemel hättest. Stell dir vor, wie du durch eine dieser abscheulichen, bestialischen Sonderpostenbuden läufst, in die man immer geht, wenn man absurden Mist braucht für den es kein Fachgeschäft gibt und wo man nicht weiß, wo man den sonst herbekommen soll. Nudelhölzer oder so. Und da steht in der Nähe der Kasse diese Priemel neben ganz vielen andern Priemeln in so nem Karton, in dem man früher bei Aldi immer seine Einkäufe laden und nach hause transportieren konnte. Es gab ja da früher in den Supermärkten so ne Ecke, wo diese ganzen Kartons unterschiedlicher Größe rumlagen, wild durcheinander. Hattest du auch immer das Bedürfnis da reinzuspringen und dich durchzugraben, wenn du mit deiner Mutter einkaufen warst?“
„Ja, natürlich hatte ich das. Dafür ist man ja Kind gewesen.“
„Ja, mit den Kartonhügeln ging meine Kindheit. Warum gibt es die nicht mehr heute, Wippi?“
„Vielleicht ist mal ein Kind drin erstickt oder so. Kinder ersticken ja ständig. “
„Ich bin als Kind nie erstickt.“
„Ich auch nicht. Es gab immer zwei Sorten von Kindern bei uns auf der Schule. Diejenigen, die erstickt sind und die, die nicht erstickt sind. Die, die nicht erstrickt sind, waren immer beliebter.“
„Manche Kinder ersticken gerne, andere Kinder bevorzugen es, nicht zu ersticken. So steht das immer auf Fragebögen beim Psychologen.“
„Ja, um da keine Wertung abzugeben. Aber was ist jetzt mit der Scheißpriemel?“
„ja, also da steht diese eine Priemel. Du hast all die Gerüche der Sonderpostenbude inhaliert und jetzt siehst du diese Priemel, während du an der Kasse stehst und darauf wartest, dein Nudelholz zu bezahlen. Ein paar Scheißkinder haben Blätter abgeknippst, als ihre Mütter sie mal kurz aus den Augen gelassen haben.“
„Danach sind sie erstickt.“
„Jetzt halt schon die Klappe. Du siehst also die Priemel. Ein trauriges, geknichtes, gestauchtes Pflänzchen, das in der klimatisierten Luft verreckt. Du kaufst es, weil runtergesetzt. Du kennst das ja: der Preis noch mal übergepappt, weil wir sind in der Sonderpostenbude und da kriegt man alles billiger.“
„Manchmal aber auch nicht wirklich viel. Airwaves kosten bloß 10 Cent weniger als in normalem Supermarkt. Und selbst an der Tanke sind die nicht viel teurer“
„Ja, okay. Jedenfalls kaufst du die Priemel. Kannst du dir das vorstellen?“
„Schwer. Ich würde das nicht tun. Ich wüsste nicht, was ich mit ner Scheiß-Topfpflanze sollte.“
„Gießen, betrachten, den Raum beleben, in dem du arbeitest, schläfst oder deine Lustsklavin hältst.“
„Da würde ich aber eher ein Gummihuhn aufhängen oder ein indianisches Windspiel, um die bösen Wintergeister auszutreiben und fernzuhalten.“
„Dann nehmen wir eben an, dass du die Priemel geschenkt bekommen hast. Es ist auch nicht wichtig, wie du sie bekommen hast. Ob selbstgekauft oder geschenkt, das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass sie dir gehört.“
„Okay, ich hab sie geschenkt bekommen.“
„Ja, stell dir vor, du bekommst sie geschenkt von einer anonymen Verehrerin.“
„Okay.“
„Das ist zwar noch unrealistischer, als wenn du sie selbst kaufen würdest…“
„Maul.“
„Gut, und diese Priemel steht jetzt in deinem Zimmer auf der Fensterbank. Das Windspiel baumelt drüber und das Metall schlägt sanft aneinander. Du hörst davon aber nix, weil du Bad Religion auf voller Lautstärke anhast. Und schwuchtelig den Kopf durch die Luft wirfst.“
Seit Torge mich dabei mal beobachtet hatte, zog er mich ständig mit dieser Eigenart auf, die ich mir in seiner Gegenwart daraufhin tatsächlich abgewöhnt hatte.
„Ja, da steht die Priemel. Ich kann es mir vorstellen. Ich seh sie vor mir, wie sie da auf der Fensterbank in dardaistischer Lichtspiegelung würgt.“
„Gut, weil ich fühl mich nämlich gerade wie ne Priemel.“
„Woher weißt du wie sie ne Priemel fühlt?“
„Weil ich mir im Gegensatz zu dir Dinge vorstellen kann. Ich kann mir vorstellen, wie sich ne Priemel fühlen muss, die ständig von dir angeglotzt wird.“
„Was?“
„Hör auf mich anzuglotzen.“
„Worauf willst du eigentlich hinaus, Torge. Muss denn bei allem dieser ewige Vorlauf sein?“
„Ja, Man. Das hat was mit Glaubwürdigkeit zu tun.“
„Schön… Du fühlst dich also wie eine Priemel.“
„Endlich hast du’s verstanden. Dann können wir ja jetzt endlich den Staub von unseren Schulterblättern klopfen.“
„yeah.“