Nervous Nellie – No Calls
Ich sollte auf keinen Fall mit dem falschen Fuß austehen. Der erste Schritt des Tages muss ganz besonders wohl überlegt sein. Da entschedet sich Niedergang oder Triuphfahrt. Sprichwörter sind wie Kinder. Sie lügen nicht. Wobei ich mal ein Sprichwort kannte, das mich eisklat belogen und hintergangen hat. Es heiß „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“. Zu dem hab ich aber heute glücklicher Weise keinen Kontakt mehr und damit ergbit alles nicht den geringsten Sinn.
Was wohl passiert, wenn ich mit dem falschen Fuß aufstehe? Sicher, die furchbarsten Dinge. Es wird damit losgehen, dass ich erstmal die Treppen runterfalle. Sobald ich vom Friseur wieder da bin, wird die Festplatte explodieren, weil so viel verwerfliches Material dort abgelegt ist. All meine Musik, Texte und Zuprost-photos ausgeraucht. Aus den Trümmern der Datenruinen kann nach ernormer Anstrengung und tagelanger Suche mit modernstem Gerät und knuffigen Spürhunden noch ein halbes Mando-Diao-Album geborgen werden. Vom Rest ist nichts mehr übrig.
Oder es könnte jemand sterben. Es ist schon verflucht lange niemand mehr gestorben. Wenn ich das heute mit dem Aufstehen nicht auf Reihe kriege, wird es sicher wieder soweit sein. Ach du meine Güte, an meinen wie immer blutigen Füßen klebt jetzt auch noch fremdes Blut und dann krieg ich Aids oder die Franzosenkrankheit. Ach ne, dafür muss ich erst noch pimpern. Ich sollte also besser liegen bleiben, wo die Gafahr in eine Sexfalle zu tapern eher gernig ist. Andererseits hätte ich gerne, wirklich verdammt gerne jetzt ein Brötchen. Ein frisches, knackiges. Der Bäcker hat expandiert heute. Es gibt am neuen Standort ein Kuchenglücksrad. Da muss ich hin, koste es was es wolle. Vielleicht stirbt ja jemand, den ich überhaupt nicht gerne mag. Wie wär’s mit Tante Magda. Allerdings weiß ich überhaupt nicht, ob ich die gerne mag, weil ich gar nicht weiß, wie sie aussieht und wer sie eigentlich ist. Ich höre nur andauernd ihren Namen. Das lässt darauf schließen, dass ich irgendeine verwandschaftliche Beziehung mit ihr habe und ich daher ihren Tod zu betrauern habe. Womöglich müsste ich mir für die Beerdigung einen zweiten Anzug kaufen. Vielleicht ist Tanta Magda aber auch schon längt von uns gegangen. Dann könnte sie natürlich kein zweits Mal sterben, außer sie wandelt als Zombie durch Söhlde. Dann würde ich mich aber bestimmt an sie erinnern. Die Sache ist recht unwahrscheinlich.
Deshalb könnte stattdessen Tante Ursel meinetwegen dahinscheiden. Da weiß ich wenigstens, wer das ist. Die Frau von Onkel Willi, dem Kaninchenonkel. Früher hab ich da immer Salat hingebracht (für die Kanickel, nicht für Tante Ursel und Onkel Willi) und einmal auch ein totes Kaninchen abgeholt, mit dem ich dann durch Wolfenbüttel gebraust bin und mich ganz furchtbar verfahren hab. Das war einer der wirklich seltsamen Momente: Mit meinem schrottreifen Golf und einem toten, blutigen, stinkenden Kanickel, das halb aus einer Rewe-Tüte lukt durch Wolfenbüttel…
Inzwischen gibt es aber keine Kaninchen mehr. Ich weiß nicht, was pasiert ist, aber es gibt eigentlich nur eine logische Erklärung:
Eines Nachts verspürte Onkel Willi einen gräßlichen Nachthunger. Er stand auf und schlürfte in die Küche hinunter. Als er den Kühlschrank öffnete, fand er dort nichts, außer Salatköpfen für die Kaninchen und schimmeligem Käse und darauf hatte er nun wirklich überhaupt keinen Hunger. Er verfluchte seine Frau Ursel dafür. Sie hatte den Hauhalt nicht mehr im Griff. Er würde morgen seine sauberste Hose und seine coolse Strickjacke anziehen und sich im Pascha ein neues Mädchen suchen. „Jungfleisch“, dachte er und as versträrkte seinen Hunger nur noch mehr. Daher schlich er sich in den Stall. Die Kanickel – es waren ungefähr 50 Stück, darunter auch Kinder, die niemals in ihrem Leben gelogen hatten – kauerten sich in die hinterste Ecke ihres Verließes. Sie zitterten und hatten panische Angst. Onkel Willi packt sich den ersten Hoppler und riß ihm eins der Beine aus. Er war hungrig und hat keine Zeit zum Häuten oder zum braten. Er schlang einfach alles hinunter, Tier für Tier. Die Knochen spuckte er auf einen Haufen. Er hatte gehört, dass man mit Hasenkrochen und Hagebutte einen Zaubertrank aufsetzen konnte, der Unsterblichkeit verlieh, ein Aphrodisiakum war und obendrein noch Haarausfall stoppte und die Franzosenkrankheit heilen konnte. Das wollte er morgen mal ausprobieren. Die Freßorgie dauerte eine halbe Stunde. Dann war von der einst florierenden Kaninchenzucht nicht ein einziges Tier übrig, nur noch ein Berg dünnen Knochen. Onkel Willi mischte sich den Mund mit dem Ärmel seiner Strickjacke ab und kletterte zurück zu Ursel ins Bett. „Wo bist du gewesen?“, fragte diese im Halbschlaf und kuschelte sich an ihren Gatten. Sie liebte ihn noch immer sehr, auch wenn die Aluminumhochzeit bald schon anstand. „Einen Happen essen.“, sagte Willi, „Nur einen Happen essen“.
Plötzlich klingelte das Telefon und riss mich aus meinen Gedanken. Ich sprang aus dem Bett, achtete dabei nicht darauf, mit welchem Fuß ich aufstand, war mir aber sofort sicher, dass es der falsche war. Das Telefon lag im Erdgeschoss. Auf dem Weg dahin fiel ich die Treppe hinunter und dann auch nochmal hinauf, Meine Füße bluteten, als ich das Telefon erreichte. Aber es war zu spät. Der Anrufer war ungeduldig und hatte schon wieder aufgelegt. Naja, wenns wichtig ist, wird der schon zurückrufen, dachte ich und kaufte erstmal Brötchen. Beim Kuchenglücksrad gewann ich bloß einen Trostpreis. Es handelte sich um eine kleine Trillerpfeife aus Plastik. Die wollte ich mit nach Hause nehmen und Sie meinem Mädchen irgendwann zur Gnadenhochzeit schenken. Es ist ja wirklich drollig, dass es nach 60 Jahren Ehe und der Diamantenen Hochzeit nur noch ganz fürchterliche Jubiläen zu feiern gibt: Eiserne Hochzeit, Steinernen Hochzeit und Gnadenhochzeit… Nach 75 Ehejahren gibt’s dann allerdings nochmal Krojuwelen fürs Duchhalten der harten Stein- und Eisenzeit. Ich bließ anständig in die Pfeife und die Leute guckten schon und das gar nicht mal so freundlich.
Zu Hause klingelte das Telefon schon wieder. Diesmal erreichte ich es rechtzeitig. „Hallo, ich mache eine Umfrage für Funk und Fernsehen. Ich würde gerne von ihnen wissen, ob Kurzgeschichten unbedingt ein richtuges Ende haben müssen!“ „Nein“, antworete ich, „nicht unbedingt.“
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